Mission Brandland

(Bericht vom Engel Con, Erzähler: Oliver Graute)

1.1 Der Auftrag

Hätte mir jemand vor einiger Zeit erzählt, dass die Scripturaweihe eine erhebende Erfahrung sei, hätte ich das geglaubt. Allerdings kam dann alles ganz anders.


Ich fand es viel weniger erhebend. Nein, eigentlich hätte ich so gesehen ganz gut drauf verzichten können. Man mag mir Wehleidigkeit nachsagen, aber jetzt weiß ich, wie gut es war, dass ich damals, als ich das Sigil erhielt, wohl geschlafen habe wie ein Stein.


Nun dieses Mal habe ich nicht geschlafen, sondern zugesehen und irgendwie ist an dem Brennen und Stechen kein bißchen göttliches. Ich habe keine Ahnung was meine Brüder und Schwestern wohl so tolles daran finden, ganz abgesehen davon, dass wir beinahe sofort darauf nach Rom aufbrachen und ich weder die Zeit hatte meine neu verliehenen Mächte auch nur ein einziges Mal auszuprobieren, noch mich irgendwie zu erholen.

Gänsi

Gänsi als Mädel

Manuel: Michaelit
Camael: Gabrielit
Sephaniel: Urielit
Ramduel: Raphaelitin
Gansekiel: Ramielitin

In RomaAeterna fühlte ich mich deswegen nicht viel besser und noch weniger gut, als unsere Schar auch noch gleich zu Prior di Spetia gerufen wurde. Natürlich war damit zu rechnen gewesen, dass man uns einen neuen Auftrag zuteilte.

Nach dazu einen, der unter strengster Geheimhaltung durchzuführen war. Manuel, unser Michaelit, schien wohl genau geeignet dafür. Kalt, berechnend und immer bis zum Äußersten gehend.


Kein Wort zu irgend jemandem durften wir sagen. Dafür waren aber an die 25 Kirchenobersten dabei, als wir den Auftrag im Großen Saal mit dem wunderschönen Mosaik in Empfang nahmen.

Und ich musste mich wirklich zurückhalten um nicht lautstark Fragen zu stellen.


Wir sollten in den Westen. Zum Brandland auf dem Atlantik. Und dort sollten wir den 'Korridor durch den Korridor' untersuchen, den ein urielitischer Bruder weit draußen auf dem Meer ausgemacht hatte in mitten der Schwärze. Ich brauche nicht zu betonen, was das für einen Aufruhr gäbe, gäbe es tatsächlich Lücken in den Brandlandkorridoren.


Wir sollten hinfliegen, uns das ansehen und Bericht erstatten. Sephaniel, unserem Urieliten wurde der Weg genauestens erklärt. Bis zur Küste würden wir selbst kommen, von da an musste er uns führen. Eine äußerst schwere Aufgabe, da uns unsere Reise über das große Wasser führen würde und wir nichts zum landen hatten, außer der drei vorbereiteten Landepunkte. Zu denen später mehr.



Manuel hingegen erinnerte uns daran, dass es noch eine weitere Schwierigkeit gab. Nämlich das Bericht erstatten. DAS wiederum blieb an mir hängen. In Zungen reden war eine Macht die ich besonders gut konnte, geschult deswegen, weil ich noch nie ein sonderlich gelehriger Engel gewesen bin und häufig nachfragen musste, bei anderen Ramieliten, die ich erreichen konnte.

Allerdings war hier das Problem der Geheimhaltung im Wege und so bestimmte Prior di Spetia einen Ramieliten seines Vertrauens als Kontakt.


Ich wusste nur nicht ob es mir gelang diesen ominösen Malloriel auch wirklich zu erreichen und versuchte es an Ort und Stelle. Mit 'In Zungen reden' schaffte ich es nicht und kam auf die Idee es dann vielleicht in der 'Kathedrale' zu probieren. Ein Ort an dem ich nie zuvor gewesen war und entsprechend auch nicht viel wusste.

1.2 Die Kathedrale

Die Kathedrale zu erreichen war eines der schrecklichsten Dinge, die ich je erblickt habe. Eine schwarze Ebene, durchzogen von roten Linien, die zu leben schienen wie die Scriptura die unter meiner Haut brannte. Die schwarze Fläche hätte gespiegelt, wenn etwas da gewesen wäre um es zu spiegeln, doch da war nur weitere Schwärze und die roten sich in seltsamen Mustern überschneidenden Linien reichten bis zum Horizont. Ich kam mir so klein und unbedeutend vor, dass ich mich kaum traute etwas zu sagen.

Mein Ruf nach Malloriel verhallte. Es gab keine Antwort von ihm.


Statt dessen hörte ich plötzlich eine Stimme die um mich herum war und auch in meinem Innersten und in meinem ganzen Leben habe ich noch niemals so eine Stimme vernommen. Nicht einmal Manuels Stimme, wenn er die 'Vollmacht' anwendet, klingt so.


Gott: "Hast du nicht etwas vergessen"

Gänsi: "Öhhh, hab ich? Was denn?"

Gott: "Danke zu sagen.."

Gänsi: "Öööhm ja genau, danke... ich wusste nicht, dass das so üblich ist und wie das hier so abläuft. Natürlich bin ich dankbar, aber eigentlich mehr verwirrt..."

Gott: "Das macht nichts, das lernst du schon noch. Und Ganskiel, ich mag dich!"

Gänsi Freudestrahl: "Wirklich?" glänz*

Und die Stimme kannte meinen Namen und fragte mich was ich wollte.

In meiner großen Verwirrung, fragte ich die Stimme, wer sie sei und ihre Antwort "Du weißt wer ich bin" führte mir nur vor Augen was für ein Dummkopf ich war. Da sprach Gott zu mir und ich merkte es nicht einmal. Wie denn auch? Ich wusste, dass in der Kathedrale Informationen waren, und ich wusste, dass Kathedralen schöne Orte waren, Erzählungen von anderen Ramieliten beschrieben Orte der Ruhe und des Friedens und wie Informationen einen ausfüllten, wenn man diese suchte.


Niemand hatte mich vorgewarnt, dass GOTT selbst dort zu einem sprach. Ich fragte ihn, warum meine Kathedrale so leer war und er sagte mir, dies sei die wirkliche Kathedrale und hier gäbe es keine störenden Bilder und Emotionen, nur Reinheit.


Trotz der Angst, die mir diese Reinheit einjagte, schaffte ich es darum zu bitten, Malloriel sehen zu dürfen und plötzlich war ich nicht mehr in meiner Kathedrale. Eine grüne Woge aus Gras im Wind, Felsen und das Meer umgaben mich und ich staunte, woher das alles kommen konnte, wo ich doch immer noch im großen Saal auf dem Mosaik stand.

Und dann traf ich Malloriel.


Silbernes langes Haar und eine dünne Gestalt, ein trauriges Gesicht und seine Augen, die mich verwundert ansahen waren mein erster Eindruck. Mit Erschrecken erkannte ich, dass Malloriel keine Flügel mehr hatte und dass er noch älter war als ich. Beinahe wie ein Erwachsener. Ein Mann.


Ich war kaum in der Lage überhaupt eine Frage zu stellen. Ein Engel ohne Flügel. Ein Mann noch dazu. HIER und auch noch als Vertrauensperson vom Prior selbst bestimmt.

Und er lächelte nur als ich fragte, was er HIER tue und meinte "Ich bin immer hier!"


Malloriel erzählte mir Dinge. Über die Kathedrale. Und ich entsinne mich genau wie er sagte, dass man, so wie ich jetzt gerade, auch in die Kathedralen anderer Ramieliten hineinkönnte, man solle nur aufpassen dass es keiner merkt. Erst da begriff ich, dass ich in SEINER Kathedrale war und meine noch immer das leere schwarze Feld mit den roten Linien war. Und er schickte mich dann fort. Er meinte, ich könnte mich auch verlieren, wenn ich zu lange hierbliebe, und er hatte recht. Hier vergisst man die Zeit.


Für's Erste reichte mir das, ich war einfach zu verwirrt um mehr zu fragen und außerdem hatte ich das Gefühl schon lange hierzusein, so dass ich mit aller Macht zurückwollte und ganz plötzlich im großen Saal stand. Offenbar waren nur einige Sekunden vergangen.

Aber wir konnten aufbrechen und ich schluckte meine Fragen alle hinunter, zu sehr hatten mich die Erlebnisse verwirrt.

1.3 Über Land

Unsere erste Etappe führte uns Richtung Genua, die wir in einem Tag und mit mir als langsamsten Flieger bei halbwegs passablem Wetter gut schaffen konnten. Sephaniel hielt es für das Beste dort zu rasten und wir fanden in der von Pilgern überfüllten Stadt auch eine Unterkunft in einem ebenso überfüllten Kloster.


Chaotische Zustände drohten dort auszubrechen, da wir offensichtlich in Trauerfeierlichkeiten platzten. Der Ab war vor zwei Tagen verstorben, der Prior vor 3 Tagen auf eine Pilgerreise aufgebrochen und das Kloster führerlos.


Wir begingen den ersten Fehler. Entgegen Manuels erste Einwände, entschloss er sich auf Drängen von Ramduel und Sephaniel hin, den 6 stündigen Umweg in Kauf zu nehmen und den Prior mit seiner Reisegruppe auf dem Pilgerweg aufzufinden. Wir konnten ihn dort zum Umkehren bewegen und flogen nun weiter Richtung Pyrenäen, unseren Kurs etwas gegen Süden korrigierend und beeilten uns um die verlorene Zeit wieder einzuholen.


Ein gewaltiges Gewitter zwang uns aber dazu die Richtung erneut zu ändern und es zu umfliegen. Und das Mitten auf dem Pyrenäenkanal und das auch nachdem ich bereits müde und erschöpft Mühe hatte mit der Schar mitzuhalten.


Als das Unwetter immer noch schlimmer tobte, veranlasste Manuel Sephaniel einen Unterschlupf zu suchen und Sephaniel kam kurz darauf zurück und führte uns an der Küste Iberias, die wir wegen des Sturmes nur mit Müh und Not erreichten, gradewegs in eine Höhle die er in den Hügeln oberhalb eines Dorfes gefunden hatte.


Wo die Höhle zunächst wie ein sicherer Unterschlupf erschien, merkten wir trotz unseres angefachten Feuers bald, dass sie das nicht war.



Gansekiel zum Gabrieliten: "Wenn du kein Feuer machen willst, dann tu ich es!"

Manuel, das ketzerische Feuerzeug erblickend: "GIB ES MIR!" und zerschmettert es am Boden mit seinem Schwertknauf.

Gansekiel murmelnd: "Pah mach's nur kaputt, wo ich das her habe, gibt es noch viel mehr!"

Die Höhle entpuppte sich als Brutstätte duzender, und mindestens zwei Meter großen, ekliger weißer und vielbeiniger spinnen- und wurmartigen Kreaturen, die Camael (Gabrielit) und Sephaniel nur mit Mühe solange in Schach halten konnten, dass wir aus der Höhle entkamen. Hinaus in den Gewittersturm, dass wir nicht einmal fliegen konnten. Dass die Kreaturen Angst vor Feuer hatten war unser Glück, da wir durch den langen Flug alle müde waren und weniger kampfeslustig - vielleicht bis auf Camael, der es vermutlich am liebsten mit ihnen allen aufgenommen hätte und eine oder zwei erschlug, was die anderen zurückhielt uns sofort anzugreifen. Trotzdem wurde Sephaniel in dem Kampf, der entbrannte mit irgendeiner glibbriger, wie zu Glas erstarrenden, Substanz getroffen, die ihn zunächst nur fesselte. Geistesgegenwärtig zertrümmerte er den Traumsaatkokon um seinen Arm und seine Schulter am Felsen und konnte so mit uns zusammen den Rückzug antreten.


Wir eilten zu Fuß durch den Wald bis ins nahegelegene Dorf nur um dort festzustellen, dass die Kreaturen ihr unheiliges Werk dort bereits verrichtet hatten. Die glasartige Substanz war überall und als wir versuchten in ein Haus hineinzukommen, in der Hoffnung, dass sich dort vielleicht noch lebende Menschen verschanzt hatten, trat auch Ramduel unsere Raphaelitin in die Scherben eines ähnlichen Kokons, der bereits Sephaniel beinahe hatte erstarren lassen.


Die Verletzung an ihren Füßen blutete stark und sie erkannte wohl auch, dass die Substanz nicht nur die Eigenschaft hatte zu erstarren, sondern zudem auch die Haut verätzte. Sephaniels Arm und Schultern war bereits jetzt mit Brandblasen und teilweise offengelegtem Fleisch überzogen und Ramduel erkannte, dass wir schnellstens Hilfe für sie und den Urieliten suchen mussten. Um alles zu heilen, reichten ihre Kräfte nach dem langen Flug kaum mehr aus.


Der Morgen erwachte mit einem glühenden Rot über dem nebligen Meer, über dem sich das Gewitter endlich beruhigt hatte. Der Sturm, der bis vor kurzem noch bei jedem Schritt an einem gezerrt hatte, hatte nachgelassen und wir konnten das Dorf unter uns zurücklassen, mit dem Gefühl, dass selbst hier am Rande der Pyrenäen, wo der Himmel der Urieliten so nahe war, die Traumsaat stark und unberechenbar war und wir dafür um so machtloser.


Nur mit Mühe erreichten wir dem Himmel der Urieliten, der ganz im Nebel verborgen lag, so dass wir die Flugplattform beinahe nicht gesehen hätten. Sephaniel musste seine letzten Kräfte aufbieten und brach zusammen, sobald seine Füße den Boden der Flugplattform erreicht hatten. Auch Ramduel, die sich zwar selbst geheilt hatte, aber nun am Ende ihrer Kräfte war, brauchte Hilfe und ich selbst war kaum noch zu einem klaren Gedanken fähig. Der lange Flug, die durchwachte Nacht und der Schreck saß mir in den Knochen.


 

In Mont Salvage hatten wir zwei Tage Zeit um uns auszuruhen. Zwei Tage die wir bitter benötigten. Erleichtert hörten wir, dass Sephaniel Hilfe zu Teil geworden war, während wir anderen uns ausgeruht hatten. Nur Manuel machte die ganze Zeit über beinahe ein sorgenvolles Gesicht, wegen der zwei verlorenen Tage, auch wenn er nach außen hin sein kaltes Gebaren aufsetzte, merkte man doch, dass es ihm nicht passte, wie sehr wir Zeit verloren hatten. Wenigstens so meinte er, hatten wir Bericht erstattet über das Dorf. Die Urieliten würden sich der Sache annehmen.


Unsere letzte Etappe führte uns an die Küste, mit Blick auf die Ketzerinsel Lisboa, wo wir zum letzten Mal Rast machten, ehe wir aufs Meer hinaus flogen, Lisboa hinter uns ließen und den Sonnenschein genossen, der unseren Weg heller und freundlicher erschienen ließ, als er war.


Meine Erinnerung an den Abend vor der Abreise ist getrübt durch den Streit, der ausbrach, als Ramduel und Sephaniel anstatt zu meditieren lieber hinaus zu den Menschen gegangen wären, die ein Fest feierten.

Manuel war davon überzeugt gewesen, dass wir meditieren sollten um Kraft zu sammeln, Ramduel und Sephaniel hingegen hatten fest behauptet, sie würden auch Kraft darin finden den Menschen zu begegnen, die sich über die Engel sicher sehr freuen würden. Dass beide schließlich gehorcht hatten, lag nicht nur an Manuels Drohung beide aus der Schar auszuschließen und wegen Ketzerei anzuklagen (sie widersprachen wirklich mehrmals seinen Anweisungen und wollten partout nicht in die Cella zurück). Ich hatte schließlich alle davon überzeugen können, dass wir auf dem Meer scheitern würden, wenn wir zerstritten oder gar ohne die beiden 'Ketzer' aufbrechen würden. Und ich hatte nur erleichtert feststellen können, dass offenbar alle bereit waren auf mich zu hören. Meine Bitte an die Beiden, jetzt so kurz vor dem schwersten Teil der Reise Manuel seinen Willen zu lassen und erst zu feiern, wenn wir den Auftrag erfüllt hatten, hatte Gehör gefunden.

1.4 Über Wasser

Den ganzen Tag über Wasser zu fliegen, ohne ein einziges Mal landen zu dürfen war für uns alle eine Probe. Teilweise noch geschwächt von den Vorfällen vor zwei Tagen, waren wir am Abend überglücklich, als Sephaniel die Templergaleere entdeckte.

Diesmal konnte auch Manuel niemand davon abhalten zu feiern. Die erste Etappe war geschafft.


Nach einer ruhigen Nacht, die mir nur ein klein wenig Seekrankheit bescherte, konnten wir am nächsten Tag früh aufbrechen. Wieder würde es ein Probe für den Urieliten werden uns sicher zu der schwimmenden Stadt zu bringen, die einige Templer schon Tage zuvor eingenommen hatten.


Mit wachsendem Entsetzen jedoch mussten wir bereits am frühen Nachmittag feststellen, dass die schwimmende Stadt, die auf uns zutrieb, eben wohl jene war, die wir erst am Abend hätten erreichen sollen.


Irgendetwas hatte ihre Verankerung losgerissen oder ihre Position verändert. Und als wir schließlich dort landeten mussten wir feststellen, dass das weiße Gespinst, das wir bereits in der Luft ausgemacht hatten, das Netz einer monströsen Spinne war. Dick wie die Saiten einer Gitarre war beinahe die ganze Stadt verhüllt in einer weiß-begen kokonartigen Hülle und wo wir auch suchten, es gab keinen einzigen Menschen, weder Städter noch Templer, mehr, der uns hätte sagen können, was passiert war. Wir hatten nun ein Problem, das wir schnell erkannten:


Nach Sephaniels Meinung war die Stadt um mindestens ein Drittel von ihrer ursprünglichen Position abgedriftet und das genau auf das erste Templerschiff zu. Wir hatten jedoch kaum irgendeine Wahl etwas zu unternehmen an diesem Tag, denn zurück zum Templerschiff zu fliegen war es nun schon zu spät und zu weit. Auch in Richtung des anderen Templerschiffes, das jetzt noch weiter von der Stadt entfernt war, als geplant, konnten wir nicht. Manuel beschloss für die Nacht auf der 'Insel' zu bleiben.


Der Schrecken fuhr uns in die Glieder, als wir am nächsten Tag in der Früh bemerkten, dass die Insel nicht so verlassen war, wie wir gemeint hatten.


Das Spinnenmonster war zurückgekommen. Über der Insel lag wie eine Glocke ein Netz. Es schwebte in der Luft über den Holzhäusern und auf ihm saß die achtbeinige Monstrosität und schien nur zu warten, dass wir herauskamen. Camael und Manuel verließen das Haus, dessen eingewebte Tür Camael mit seinem Flammenschwert gestern noch so mühsam geöffnet hatte. Die Spinne jedoch nahm keine Notiz von uns. Sie hatte keinerlei Grund dazu, denn die Fäden des neuen Netzes waren schon vom Boden aus sichtbar klebrig und beinahe undurchdringlich. Fortfliegen konnten wir nicht mehr ohne uns in der Luft zu verfangen und wie wir bemerkten senkte sich das Netz langsam aber sicher auf den Boden zu. Ich sah eine kleine Chance darin zu einem der Häuser am Rand der Insel zu laufen und es durch eine Hintertür oder Notfalls auch mit Gewalt durch eine Hinterwand zu verlassen in der Hoffnung, dass das Netz nicht bis dort reichte.


Als wir jedoch in einem solchen Haus waren, mussten wir feststellen, dass die 'Glocke' aus Fäden über der Stadt hier an den Rändern bereits abgesenkt war und auch der 'Hinterausgang' fest verwoben war.


Als Camael versuchte einen Stuhl aus dem hinteren Fenster zu werfen und dieser das neue Netz traf, merkte dies nicht nur das Spinnenmonster, sondern auch das Netz selbst senkte sich immer schneller herab und begann, kaum, dass es die Dächer der Hütten berührt hatte, wie mit Stahlseilen versehen, sich zusammenzuziehen und die Hütten zu zerdrücken. Wenn wir nur lange genug hier blieben, würden wir inmitten eines Klumpens aus zersplittertem Holz und zusammengedrückten Möbeln der einstigen Einwohner enden.


Mit einem verzweifelten Versuch sich durch die Tür und das frische Netz einfach hinauszubrennen, entkam Camael. Auch Manuel und Sephaniel schafften es sich aus der Öffnung zu zwängen und die Spinne nun draußen im Flug zu attackieren, während mein Sprung durch die schmale Öffnung im Netz damit endete, dass ich beinahe ins Wasser und zudem in die klebrigen Fäden am Boden gestürzt wäre. Ramduel konnte entkommen, und sie schafften es auch die Spinne abzulenken, so dass Camael todesmutig auf ihrem Rücken landen und sich irgendwie zwischen ihrem borstigen 'Fell' festklammern konnte. Ich konnte leider nicht sehen, was der Gabrielit anschließend machte, aber sein Schwert fand wohl mit Gottes Hilfe genau den verwundbarsten Punkt dieser Monstrosität zwischen Kopf und Rumpf. [Das kommt davon, wenn man Herr der Fliegen für die Traumsaat zieht] Über und über mit Blut bespritzt blieb Camael in der Luft flatternd zurück, während die Spinne sich zusammenkrümmte und ins Meer stürzte.


Noch während ich damit beschäftigt war auf dem klebrigen Boden zu starten, konnte ich sehen wie das Netz sich immer weiter zusammenzog. Gewaltiges Krachen und Bersten erklang und innerhalb weniger Minuten wurde die Insel unter dem sich zusammenziehenden Netz der Wasserweberin tatsächlich zu einem Klumpen aus Holz und Metall, der im Meer versank, wie zuvor seine Bewohner und das Monster das sie getötet hatte.


Nur treibende Trümmer blieben zurück wie zum Hohn schien die Sonne mit goldenen Strahlen auf uns herab, während wir über dem Meer flogen.

Wohin sollten wir uns wenden?


Mein erster Rat an Manuel war, zurückzufliegen zu der Galeere am Festland, doch jetzt erfuhren wir, dass Sephaniel und Camael gestern beim Herflug eine Entdeckung gemacht hatten, die sie nur Manuel mitgeteilt hatten. Während Ramduel und ich mit Fliegen beschäftigt gewesen waren, hatte Sephaniel im Wasser einen riesigen Schatten ausgemacht. Zuerst noch für eine Insel gehalten, aber auch Camael hatte ihn dann gesehen und was zuerst wie ein kleines Eiland ausgesehen hatte, hatte sich als bewegtes Objekt herausgestellt, das unter der Wasseroberfläche dahinzog. Genau in die Richtung des Templerschiffes und unheimlich schnell.

Es war verschwunden noch ehe Manuel Sephaniel hatte befehlen können es sich näher anzusehen, und Manuel hatte den Beiden befohlen zu schweigen.


Jetzt jedoch war allen klar, was sie gesehen hatten. Den Leviathan. Nur Gerüchte gab es über ihn, aber jetzt waren wir uns sicher, dass es ihn gab und wir waren beinahe genauso sicher, dass er wie die Wasserweberin hier unser Templerschiff zerstört hatte. Der Weg zurück war abgeschnitten. Von hier bis zum Schiff, das es womöglich nicht mehr gab und von dort bis zum Festland war es zu weit. Wenn wir umkehrten und das Schiff wäre tatsächlich fort, was wir ja nicht sicher wissen konnten, würden wir auf dem Meer sterben.


Wenn wir von hier aus zum Templerschiff direkt am Korridor starteten, hatten wir über 500km Flug vor uns, weiter als ich jemals zuvor geflogen war, einen Flug den nur Sephaniel sich zutraute und den wir dennoch wagen mussten.


Ein letzter Weg blieb offen: die Azoren. Beinahe genauso weit fort wie das 2. Templerschiff, von dem niemand sagen konnte, ob dies denn noch ans einem Platz wäre aber bewohnt von Traumsaat und vielleicht ohne die Möglichkeit von dort jemals wieder lebend wegzukommen.


Wie wir uns auch entschieden, wenn wir keinen festen Boden zum landen fanden, würden wir ertrinken.

1. 5 Wieder in der Kathedrale

Und deswegen ging ich in die Kathedrale und fragte Gott.

Ich bin mir nicht sicher, aber zumindest denke ich dass es Gott ist, der dort zu uns redet. Und er spricht in Rätseln.


Ich hatte noch immer Angst vor dieser großen Schwärze und versuchte mir etwas schöneres vorzustellen. Das einzig Schöne was mir einfiel war der Himmel der Urieliten, die sanften grünen Hügel um ihn und die Seen in den Tälern daziwschen. Meine Kathedrale liegt nun dort. Vielleicht etwas seltsam, dass es ausgerechnet der Himmel der Urieliten ist. Aber die Tag, die wir dort verbrachten, waren geruhsam und hell und die Urieliten sind freundliche Engel. Viele von ihnen haben ständig einen Scherz auf den Lippen und selbst ihr Ab scheint ein netter Mensche zu sein, der gerne schmunzelt.


In meiner Kathedrale war ich froh etwas vertrautes zu sehen, und wenn es auch nur die Felder und Wiesen auf den Hügeln um den Himmel auf dem Mt. Segur waren. Gott zeigte mir einen Felsen in einem unendlichen grünen wogenden Meer und fragte: "Kannst du ihn erreichen?" Und ich antwortete: "ja, wenn ich fliege."

Er sagte, ich hätte mir meine Antwort selbst gegeben.


Und als ich dies den Anderen erzählte, meinten Manuel und auch Ramduel, wennunser Glaube, fest wie ein Fels wäre könnten wir den Flug wagen.

Also flogen wir.

1.6 Ganseki (jap.) heißt Fels

Ohne das, was mir Ramduel gegeben hatte, eine kleine Spritze mit zweifelhaftem Inhalt, wäre ich niemals so weit gekommen. Unter anderen Umständen hätte ich das niemals genommen, aber über dem Wasser war ich froh darum. Ich meinem Ganzen Leben bin ich niemals zuvor so weit geflogen und die letzten Kilometer legte ich nur noch ohne nachzudenken zurück. Jeder weitere Flügelschlag war eine Qual und mir war es bereits völlig gleich, wie lange es noch dauerte.

Als die Sonne unterging sahen wir das Schiff.


Ich glaube niemand von uns hätte das noch zu hoffen gewagt. Obwohl es nur noch wenige Kilometer entfernt war, hatte ich keine Kraft mehr. Ich glaube der Anblick des rettenden Schiffes ließ meinen Körper vorzeitig ermatten, die Erleichterung kam zu früh und ich spürte, dass ich mich nicht mehr halten konnte. Solange ich einfach nur stoisch geflogen war, hatte ich kaum mehr etwas gespürt, war wie in Trance gewesen, und als ich Sephaniels Ruf hörte und aus dieser Trance erwachte, hörte mein Körper auf zu funktionieren.


Ich sah Ramduel fallen, der es wie mir erging. Wir würden es nicht schaffen und es war mir völlig gleich. Meine Müdigkeit war zu stark.

Ramduel fiel ins Wasser und ging zappelnd unter. Doch Sephaniel konnte sie retten und auf das Beiboot bringen, das die Templer ins Wasser gebracht hatten und das uns entgegen kam. Auch Manuel und Camael erreichten das Boot. Nur von mir war nichts zu sehen.


Ich war untergegangen wie ein Stein und ich hatte mich bereits aufgegeben. Und dennoch muss Gott mich wirklich sehr mögen, denn das Einzige, an das ich mich erinnere, nachdem ich die glitzernde, spiegelnde Wasseroberfläche durchschalgen hatte, war, wie ich in meiner Kathedrale wieder auftauchte. Doch dieses Mal war sie voller Wasser und kein grünes Gras wogte über die Hügel und ich schwamm in dem blauen Ozean und trieb hilflos auf dem Wasser. Und dennoch hörte ich Gottes Stimme und er zeigte mir einen Fels, der in der Ferne aus den Wellen ragte. Und wieder fragte er "Kannst du den Fels erreichen?" und ich antwortete zaghaft "Wenn ich schwimme!", obwohl ich nicht schwimmen konnte, aber wenn ER zu mir sprach, dann hatte ich Vertrauen.


Und als nächstes erinnere ich mich, wie ich unter Wasser die Augen auftat. Ich sah über mir das Licht der Oberfläche. Und sehr weit vor mir einen dunklen Schatten auf dieser Oberfläche, den ich zunächst für das Templerschiff hielt.


Ich wusste dass wir Engel zumindest die Luft anhalten können und so machte ich dies und begann zu schwimmen. Das Prinzip des Schwimmens ist einfach, denn man muss nur dafür sorgen möglichst viel Wasser hinter sich zu drücken. Mit froschartigen Schwimmbewegungen aller Gliedmaßen kommt man sehr schnell voran. Sogar schneller als ein Mensch, wenn man die Flügel benutzt. Mein Ziel war dieses Boot und die Luft die mich dort erwartete. Ich weiß nicht wie genau ich das schaffen konnte, aber ich muss es geschafft haben, denn ich erinnere mich, dass ich das Beiboot erreichte und man mich an Bord zog, wo ich einige Minuten hustend und keuchend verbrachte. Mein Bedarf an Wasser war wahrlich gedeckt.


Gott hatte mich gerettet.

Mich und die Anderen.

1.7 Reise ohne Wiederkehr


Wir konnten uns zwei Tage erholen. Die Stimmung der Templer und unsere Eigene war gut. Es bis hierher geschafft zu haben machte uns stolz und nicht einmal der Anblick des Brandlandkorridors und der Geruch nach Rauch und Asche, der uns ständig mit heißem Wind umwehte, konnte unsere Stimmung wirklich trüben. Wir ließen uns erklären, wie der Navigator das Schiff auf Kurs hielt, damit es nicht abtrieb und der Urielit es so hatte genau finden können. Wir erfuhren zudem, dass sich der Korridor immer wieder alle paar Tage für etwa eine Stunde öffnete.


Wir fieberten der Nächsten Öffnung nur so entgegen und schließlich erkannten wir, dass sich der Rauch tatsächlich verflüchtigte und sich vor uns ein Korridor auftat.

Manuel befahl uns dicht zusammen zu bleiben, Sephaniel allerdings sollte auf Reichweite der Seele voranfliegen und wir würden, egal wie weit wir kamen, eine halbe Stunde hineinfliegen und dann umkehren.


Ein beängstigendes Gefühl überkam mich, als links und rechts von uns die Wände aus grauem stinkenden Rauch und Hitze aufragten. Noch beängstigender allerdings waren die Geräusche, die aus dem Rauch kamen. Manchmal glaubten wir ein Summen zu hören und einmal auch ganz sicher ein Kreischen. Wenn wir genau hinsahen, wirkte der Rauch, als befände sich etwas lebendes darin und ich hatte das Gefühl, dass die Traumsaat gleich hinter der grauen Wand auf uns wartete.


Das Fliegen in dem heißen Korridor machte mir auch zu schaffen und umso erleichterter war ich, als vor uns plötzlich helles Licht schien.

DORT WAR DAS ENDE


Wir hatten tatsächlich das Brandland beinahe durchquert. Verzückte starrten wir auf die Sonnenstrahlen die kaum 500 Meter vor uns auf glitzerndes, blaues Wasser fielen. Man konnte es also durchqueren. Es gab einen Weg durch den Korridor.


Manuel befahl, dass wir uns beeilen sollten doch dann, ganz plötzlich sahen wir, wie sich die 'Wände' aus grauem Rauch auf uns zubewegten. Unsere Versuche dem zupackenden Rauch zu entkommen waren nicht mehr erfolgreich. Der Rauch schloss sich um uns, ehe wir das Ende, das wir grade noch vor Augen gehabt hatten, erreichen konnten.

Plötzlich konnte ich die Anderen nicht mehr sehen.


Ich traute mich nicht zu rufen, denn das hätte bedeutet den giftigen Rauch zu atmen und das wäre mein sicherer Tod gewesen. Und doch wusste ich, dass ja vor mir das Ende dieses Alptraums liegen musste und wenn ich nur einfach grade aus flog, so würde ich es vielleicht noch erreichen. In dem Rauch konnte ich jedenfalls nicht umkehren, denn ohne zu sehen wohin ich flog, war eine genaue 180 Wendung unmöglich.

Mir blieb die Hoffnung, dass alle Andren genau wie ich dachten und versuchen würden des nahe Ende anzufliegen.


Dennoch schlug mir in dieser Minute das Herz bis zum Hals. Das Brummen aus dem Rauch war direkt neben mir und einmal hatte ich das Gefühl, etwas würde mich streifen. Ich schloss entsetzt die Augen und flog so schnell ich konnte. Mein flehentliches Bitten die Schar zu schützen wurde offenbar erhört, denn ganz plötzlich hörte das Summen um mich herum auf und ich spürte, wie der heiße Rauch um mich sich auflöste. Als ich die Augen auftat, flog ich die Rauchwand verlassend über dem Meer und nicht weit vor und neben mir, sah ich die Anderen aus dem Dunst auftauchen.


Unsere Freunde, dem Rauch entkommen zu sein wandelte sich aber bald in Verwirrung. Denn Als wir losgeflogen waren, hatte die Sonne hinter uns gestanden und jetz war sie vor uns. Und weit und breit nur Wasser. Dennoch blieb uns keine Wahl als loszufliegen und wir ließen Sephaniel dir Richtung bestimmen. Wir waren einige Zeit unterwegs und Als Sephaniel sich umsah, erspähte er ein Stück den Korridor entlang ein Schiff.


Als wir darauf zuhielten, erkannten wir verwundert, dass es eine Templergaleere war, ganz ähnlich der unsrigen, nur dass diese irgendwie alt aussah, die Segel teilweise in Fetzen und und überall Algen.


Trotzdem landeten wir und stellten fest, dass die ganze Galeere menschenleer war und dennoch war sie genauso gebaut wie unsere. Selbst die Ankerkette, die das Schiff auf Kurs hält und deren extreme Länge ein großes Problem für den hertransport dargestellt haben muss, war verrostet und hing lose ins Wasser. Verwirrt fingen wir an sie zu durchsuchen, fanden aber nichts an Deck und wagten es schließlich in den engen Gängen unter Deck nachzuforschen.


Unser Entsetzen kennt keine Grenzen, denn vor kaum 3 Stunden haben wir hier unten in der Schiffsmesse 50 Männer entdeckt.

Einige von ihnen knien noch immer zusammengesackt am Boden. Sie alle sind verhungert und von ihnen ist nichts übrig als von der salzigen Meeresluft mumifzierte Leichen. Sie müssen zeit Jahrzehnten tot sein, denn ihre Kleidung ist bereits angefallen und verrottet. Das ganze Schiff wirkt, als wäre es seit 2 Menschenaltern hier draußen und uns ist nun klar, dass uns unsere Riese durch den Korridor nicht ans andere Ende des Brandlandes geführt hat sondern ans andere Ende der Zeit.

Wir leben, doch um welchen Preis: Hunderte Kilometer entfernt von jeglichem Land und auf uns allein gestellt. Wasser und Nahrung scheint es nicht mehr zu geben. Die Templer müssen verhungert sein.


Unsere einzige Chance ist, dass ich irgendjemand erreiche.

Wird Gott mich ein weiteres Mal erhören?